Midsommar als Deutscher: Was das Fest dir wirklich über Schweden erklärt
Wer zum ersten Mal in Schweden lebt, hat ein Datum, nach dem sich die Zeit einteilt: Midsommar. Nicht Weihnachten. Nicht Neujahr. Midsommar.
Das klingt nach Romantik und Touristenprogramm — Blumenkränze, Tanz um eine geschmückte Stange, Schweden in Tracht. Und ja, das gibt es. Aber wenn du verstehst, was hinter dem Fest steckt, verstehst du auch, warum Schweden so ist, wie es ist.
Was Midsommar eigentlich ist
Midsommar feiert die Sommersonnenwende — den längsten Tag des Jahres, irgendwo zwischen dem 20. und 26. Juni. In Schweden ist das seit Jahrhunderten ein Volksfest, tief verankert in einer Kultur, die die Natur nicht romantisiert, sondern ernst nimmt.
Für Schweden ist das Licht im Sommer keine Kulisse. Es ist Ausgleich. Wer die langen, dunklen Winter erlebt hat — und als Deutscher in Göteborg wirst du das erleben — versteht, warum der Sommer nicht einfach genossen, sondern förmlich gefeiert wird.
Midsommar ist der Moment, an dem Schweden kollektiv aufatmet.
Was an dem Tag wirklich passiert
Der Freitagabend vor dem Midsommar-Wochenende ist der eigentliche Kern. Die meisten Schweden fahren dann aufs Land — zur Sommerstuga, zu Freunden, zu Familie. Die Städte leeren sich. Göteborg an Midsommar kann sich anfühlen wie nach einem Sonntagabend, nur stiller.
Was dann passiert, folgt einem ziemlich festen Ablauf:
Die Midsommarstång — eine mit Birkengrün und Blumen geschmückte Stange — wird aufgestellt und jeder tanzt darum herum. Kleine Kinder zuerst, dann alle. Es gibt Lieder, die eigentlich albern sind, und trotzdem singt jeder mit, einschließlich der ernsthaften Männer über 50. Das ist kein Witz — das ist Midsommar.
Sill och snaps. Hering mit Schnaps. Es gibt mehrere Runden, es gibt Trinklieder (Snapsvisor), und es gibt eine angenehme Erwartung, dass alle mitmachen. Wer Hering nicht mag, bekommt meistens Erdbeeren. Jordgubbar sind das zweite große Midsommar-Symbol — rote, schwedische Erdbeeren mit Sahne und das Versprechen, dass der Sommer jetzt wirklich begonnen hat.
Das Licht. Wer das erste Mal in Schweden Midsommar erlebt, ist auf die Helligkeit nicht vorbereitet. In Göteborg wird es in der Nacht vom 21. auf den 22. Juni nie wirklich dunkel. Der Himmel bleibt tief blau, die Luft warm, die Stimmung hat etwas Unwirkliches. Man sitzt draußen um Mitternacht und es ist noch hell genug, um zu lesen. Das verändert das Zeitgefühl — und damit auch das Midsommar-Gefühl.
Was das Fest über Schweden sagt
Drei Dinge fallen mir auf, wenn ich Midsommar mit deutschen Augen sehe:
Erstens: Die Informalität ist echt. Midsommar ist eines der wenigen Feste, bei dem alle Hierarchien kurz ausgeblendet werden. Chef und Praktikant stehen nebeneinander und tanzen den Frosch (ja, wirklich — Små Grodorna ist ein Klassiker, bei dem alle hüpfen). Das ist keine Performance. Das ist schwedische Kultur — die Idee, dass man in bestimmten sozialen Momenten gleich ist.
Zweitens: Der Kollektivismus ist spürbar. In Deutschland feiert man Feste oft mit der Familie oder einem engeren Kreis. In Schweden ist Midsommar oft größer — Nachbarn, Kollegen, Bekannte. Die Idee, zusammenzukommen und gemeinsam etwas zu erleben, hat hier einen anderen Stellenwert. Als Neuankömmlinge ist das ein Geschenk: Midsommar ist einer der einfachsten Wege, echten Anschluss zu finden.
Drittens: Die Natur ist nicht optional. Midsommar draußen zu verbringen, auf dem Land oder zumindest in einem Park, ist kein Zufall. Die Verbindung zur Natur ist für Schweden keine Freizeitgestaltung, sondern Grundbedürfnis. Allemansrätten — das Recht, sich überall in der Natur aufzuhalten — hat hier seine kulturellen Wurzeln.
Wer das einmal verinnerlicht hat, versteht auch, warum Schweden nie schlechtes Wetter als Ausrede akzeptieren. Man geht raus. Punkt.
Dein erstes Midsommar — wie du dazu gehörst
Als Deutschen wird es dir beim ersten Midsommar passieren, dass du nicht weißt, wie du dich verhalten sollst. Das ist normal. Hier ein paar Dinge, die ich gelernt habe:
Eine Einladung ist mehr wert als du denkst. Wenn dich jemand zu einem Midsommar-Fest einlädt, ist das kein beiläufiges "Komm vorbei". Das ist ein echter Ausdruck von Zugehörigkeit. Nimm es an.
Bring etwas mit. Erdbeeren, ein Weinwein, Snaps — oder frag vorher, was du beitragen kannst. Die Vorbereitung ist oft kollektiv, und mitzumachen ist willkommen.
Lern Små Grodorna. Ernsthaft. Es sind drei Zeilen und du wirst sie brauchen. YouTube hilft.
Bleib länger als du planst. Das Fest hat keinen richtigen Abschluss. Es endet einfach irgendwann, wenn das Licht sich ändert und alle still werden. Das ist der schönste Moment.
Midsommar als Entscheidungshilfe
Wenn du noch überlegst, ob Schweden das Richtige für dich ist, empfehle ich dir ernsthaft: Verbring ein Midsommar-Wochenende hier. Nicht als Tourist in der Innenstadt, sondern möglichst bei echten Schweden, draußen, mit dem ganzen Ablauf.
Wer danach noch nicht weiß, ob Schweden passt, weiß es danach. In die eine oder die andere Richtung.
Für mich war es kein Midsommar, der die Entscheidung ausgelöst hat — ich war schon hier. Aber es war ein Midsommar in Bohuslän, der mir klar gemacht hat: Ich bin richtig hier.
Autor: Sebastian Schiefner ist 2022 von Berlin nach Göteborg gezogen und dokumentiert als Fotograf und Gründer von Nordabenteuer, was der Umzug nach Schweden wirklich bedeutet.
Fragen? Schreib mir: hallo@nordabenteuer.de