Krisenvorsorge Schweden: Das brauchst du zuhause

Im November 2024 lag in schwedischen Briefkästen eine Broschüre mit dem Titel „Om krisen eller kriget kommer", „Wenn die Krise oder der Krieg kommt". Wer aus Deutschland herzieht, liest den Titel zweimal. In Deutschland ist Notfallvorsorge ein Thema für Ratgeberseiten und Prepper-Foren. In Schweden bekommt sie jeder Haushalt per Post, ohne großes Drama, im selben Ton wie eine Mitteilung der Hausverwaltung.

Ich bin 2022 von Berlin nach Göteborg gezogen und fand diese Selbstverständlichkeit anfangs fast irritierend. Inzwischen finde ich sie vor allem praktisch. Hier steht, was die Behörde erwartet, was du wirklich zuhause haben solltest und warum das beim Hauskauf eine Rolle spielt.

Der Unterschied zu Deutschland: Ton und Zeitraum

Das deutsche BBK empfiehlt, sich bis zu zehn Tage selbst versorgen zu können, und schreibt, dass schon ein Vorrat für mindestens drei Tage sehr hilft. Als Trinkmenge nennt es 1,5 Liter pro Erwachsenem und Tag, plus 0,5 Liter, wenn du mit Wasser kochst.

Die schwedische Seite kommt auf ähnliche Größenordnungen, nur mit anderer Rahmung. Krisinformation.se, das offizielle Portal der Behörden, schreibt: Plane so, dass du mindestens eine Woche allein zurechtkommst. Dieses „en vecka" ist der Kern von hemberedskap, der Heimbereitschaft. Die Behörde sagte schon im März 2022 gegenüber der Presse, man solle ungefähr eine Woche selbst klarkommen. Der Zeitraum ist eine Planungsgröße: So lange können Behörden und Hilfsorganisationen brauchen, bis sie wieder liefern können.

Der Unterschied liegt weniger in den Zahlen als im Selbstverständnis. Schweden denkt Krisenvorsorge ausdrücklich als Teil des „totalförsvar", der Gesamtverteidigung, und adressiert dich als Teil davon. Das Motto der Beredskapsveckan lautet sinngemäß „Du bist Teil von Schwedens Gesamtverteidigung".

Eine Kleinigkeit am Rand: Aus der MSB ist zum 1. Januar 2026 die Myndigheten för civilt försvar (MCF) geworden. Die Aufgabe blieb gleich, die Website ist jetzt mcf.se. Ältere Artikel, auch manche Ratgeber, sprechen noch von MSB.

Die Broschüre und die Beredskapsveckan

Die Regierung hatte die MSB im März 2024 beauftragt, eine neue Fassung von „Om krisen eller kriget kommer" zu erstellen. Die Begründung war die ernste sicherheitspolitische Lage und der NATO-Beitritt. Die neue Ausgabe erschien im November 2024. Sie steht auch digital auf mcf.se und krisinformation.se.

Einmal im Jahr gibt es dazu die Beredskapsveckan, eine Themenwoche in Kalenderwoche 39, geleitet von der MCF. 2026 war das der 21. bis 27. September, wie Kommunen wie Kalix ankündigten. Sie fällt verlässlich in Woche 39; die genauen Termine für 2027 standen bei Redaktionsschluss noch nicht fest, die stehen rechtzeitig auf mcf.se und bei deiner Kommun. Ich nehme sie als guten Anlass, den eigenen Vorrat einmal im Jahr durchzugehen.

Was du zuhause haben solltest

Die Empfehlungen von krisinformation.se, ohne Prepper-Ausrüstung:

  • Wasser: mindestens drei bis fünf Liter pro Person und Tag, für eine Woche. Das ist deutlich mehr als die 1,5 bis 2 Liter der deutschen Empfehlung.
  • Essen: Dinge, die haltbar sind und sich ohne viel Wasser und Energie zubereiten lassen, etwa Nudeln, Reis, Getreide, Konserven mit Tomaten, Gemüse, Obst, Fertiggerichte.
  • Wärme: Ein Plan, wie du die Wohnung ohne Strom warm hältst. Genannt werden Kachelofen, offener Kamin, Holzofen, außerdem Decken.
  • Radio: Ein Gerät mit Batterien, Solarzelle oder Handkurbel. Im Ernstfall läuft die Information über Sveriges Radio P4.
  • Bargeld: 1.000 Kronen pro Erwachsenem im Haus. Das ist die Zahl auf krisinformation.se. Man zahlt hier fast überall mit Karte oder Swish, ohne Strom und Netz geht aber auch kein Kartenterminal.
  • Medikamente: Wer dauerhaft etwas nimmt, soll einen Monatsvorrat haben.
  • Licht und Strom: Kerzen, Teelichter, Ersatzbatterien und eine Powerbank.

Nach meinem Eindruck ist das keine Bunkerlogik. Es ist die Liste, die ein Camper ohnehin hat. Ich würde sie aber an dein Wohnumfeld anpassen: Wer in einer Wohnung im vierten Stock in Göteborg wohnt, braucht eine andere Antwort auf „Wärme" als jemand im Haus mit Ofen.

Alarm, Hesa Fredrik und VMA

Das Sirenensignal heißt Hesa Fredrik. Es wird viermal im Jahr getestet, jeweils um 15:00 Uhr am ersten Montag im März, Juni, September und Dezember, der kein Feiertag ist. Der nächste Test ist damit am Montag, 7. Dezember 2026. Zum Signal selbst: Sieben Sekunden Ton, 14 Sekunden Pause, sechsmal wiederholt. Das bedeutet unmittelbare Gefahr für Leben oder Gesundheit. Ein 30 Sekunden langer, ununterbrochener Ton heißt „Faran över", Entwarnung.

Wenn die Sirene außerhalb der Testzeit ertönt: reingehen, Fenster, Türen und Lüftung schließen, Sveriges Radio P4 einschalten oder krisinformation.se öffnen. Dort kommt die VMA, die „Viktigt meddelande till allmänheten". Sie läuft parallel über Radio, Fernsehen, Webseite, App, SMS und Sirenen. Dazu kommt SE-Alert, eine Warnung direkt aufs Smartphone, für die du nichts installieren musst. Zusätzlich gibt es die App von krisinformation.se.

Für dich als Zugezogenen heißt das: Spätestens beim ersten Test im Dezember stehst du nicht mehr verwirrt auf der Straße. Es ist ein Testalarm.

Skyddsrum: wo der Schutzraum ist

Schweden hat nach Angaben von krisinformation.se rund 64.000 skyddsrum, Schutzräume mit Platz für etwa sieben Millionen Menschen. Im Alltag dienen sie anderen Zwecken und müssen bei erhöhter Bereitschaft innerhalb von zwei Tagen hergerichtet werden. Sie schützen vor Druckwellen und Splittern einer Bombe in der Nähe sowie vor Gasen, Strahlung und biologischen Stoffen, nicht unbedingt vor einem Volltreffer.

Du hast keinen zugewiesenen Platz. Die Anweisung lautet: zum nächsten gehen, und wenn der voll ist, zum nächsten. Kommunen wie Mark schreiben ausdrücklich, dass es nicht für die ganze Bevölkerung Schutzräume gibt.

Welche Räume bei dir in der Nähe liegen, siehst du in der Skyddsrumskarta der MCF auf mcf.se. Schau einmal nach, wo der nächste Raum zu deiner Wohnung liegt, und merk dir den Weg. Mehr braucht es nicht. Eine Stadt wie Göteborg hat zusätzlich sogenannte Trygghetspunkter, Anlaufstellen, die bei Krisen Wasser, Wärme und Information bieten können. Sie ersetzen kein Haus voller Vorräte, sind aber gut zu kennen.

Für Hauskäufer: Heizung, Wasser, Strom

Hier wird das Thema für diese Seite praktisch. Die Behörden nennen Kachelofen, Kamin und Holzofen ausdrücklich als Wärmequelle ohne Strom. Beim Hauskauf bedeutet das:

Vedspis, Kamin oder Kachelofen sind kein romantisches Extra, sondern dein Plan B. Frag beim Kauf, ob der Ofen zugelassen und regelmäßig gefegt wurde, wie wir im Artikel zu Schornsteinfeger und Sotning beschreiben. Ein Ofen, den seit Jahren niemand gesehen hat, hilft dir im Januar nicht.

Eigener Brunnen: Die meisten Pumpen laufen mit Strom. Ohne Strom kommt dann zunächst kein Wasser aus dem Hahn, selbst wenn der Brunnen voll ist. Das ist mein technischer Schluss, kein Behördenzitat: Überleg dir vor dem Kauf, wie du an Wasser kommst, wenn die Pumpe steht. Alles Weitere zu Brunnen und Abwasser steht im Artikel Egen brunn und enskilt avlopp.

Fjärrvärme oder eigene Heizung: Fernwärme nimmt dir die Arbeit ab. Ob dein Haus im Stromausfall trotzdem warm bleibt, hängt aber auch von der Regelung und den Pumpen im Haus ab. Frag den Versorger und den Verkäufer konkret danach, bevor du dich auf die Annahme verlässt, dass es schon läuft.

Generator: Ein Notstromaggregat kann sinnvoll sein, vor allem bei Pumpe, Kühlschrank und Heizungsregelung. Ich gebe hier bewusst keine Leistungsangaben, die hängen von deinem Haus ab und gehören in die Hand eines Elektrikers.

Abgelegene Lagen an der Küste: Wer dort ein Haus kauft, sollte Stromausfälle einplanen. Dass eine abgelegene Lage bei einer Störung länger auf die Reparatur wartet als die Stadt, liegt nahe; eine belastbare öffentliche Statistik dazu habe ich nicht gefunden und nenne deshalb keine Zahlen. Wie du ein Haus dort angehst, steht im Artikel zum Sommerhaus in Bohuslän.

Versicherung: Lies in der Police, was bei Stromausfall passiert, etwa bei verdorbenem Tiefkühlgut. Das ist eine Frage an deine Versicherung, keine Aussage über den Standard. Mehr dazu im Artikel zur Villaförsäkring. Der Gesamtablauf steht im Artikel zum Hauskauf in Schweden.

Was ich dir mitgeben würde

Fang mit drei Dingen an: Wasser für eine Woche, ein Radio, das ohne Steckdose läuft, und die Skyddsrumskarte einmal angeschaut. Der Rest kommt über die Monate. Ich finde den schwedischen Ansatz entspannter als den deutschen, weil er nüchtern ist. Niemand verlangt, dass du Angst hast, nur, dass du eine Woche ohne Hilfe auskommst.


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Sebastian Schiefner ist Fotograf in Göteborg und begleitet Deutsche bei Wohnungssuche und Hauskauf in Westschweden. Kostenloses Erstgespräch.

Sebastian

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