Budgivning Schweden — So funktioniert das Bieterverfahren
In Deutschland kauft man eine Wohnung zum verhandelten Preis. In Schweden kauft man sie in einer transparenten Bieterrunde, die der Makler per SMS oder Telefon koordiniert. Wer das nicht versteht, verliert in den ersten Wochen auf Hemnet entweder durch Überreaktion oder durch Rückzug zum falschen Moment.
Ich habe das Verfahren in den letzten zwei Jahren mehrfach aus zwei Perspektiven gesehen: einmal als Fotograf, der die Objekte vor der Visning ablichtet, einmal als jemand, der mit Käufern spricht, die nach drei verlorenen Geboten frustriert aufgeben wollen. Dieser Artikel ist der Versuch, beide Perspektiven nutzbar zu machen.
Utgångspris ist kein Preis — es ist ein Startsignal
Der Preis, der auf Hemnet steht, heißt Utgångspris (Startpreis). Auf Deutsch wird das oft als "Angebotspreis" übersetzt, was komplett irreführend ist. In Wahrheit ist Utgångspris ein vom Makler kalkulierter Einstiegspreis, der die ersten Bieter ins Verfahren locken soll.
Die Faustregel in Göteborg 2026: Der Endpreis liegt im Schnitt zwischen 5 und 18 Prozent über dem Utgångspris. Bei besonders nachgefragten Bostadsrätter in Vasastan oder Linnéstaden auch mal 25 Prozent darüber. Bei Häusern in weniger nachgefragten Lagen kann der Endpreis sogar darunter liegen — selten, aber möglich.
Wer auf das Utgångspris als realistischen Kaufpreis spekuliert, kalkuliert daneben. Wer von Anfang an einen Endpreis von Utgångspris plus 10 bis 15 Prozent einplant, ist näher an der Realität.
Wie der Ablauf konkret funktioniert
Nach der Visning (Besichtigung) sammelt der Mäklare die Interessenten. Wer bieten will, gibt dem Makler seine Telefonnummer und sein erstes Gebot ab — meistens das Utgångspris oder leicht darüber.
Sobald mindestens zwei Interessenten Gebote abgegeben haben, startet die Budgivning. Der Makler schickt allen Bietern eine SMS oder ruft an, sobald ein neues Gebot eingegangen ist. Die Schritte sind in der Regel 25.000 oder 50.000 SEK pro Runde, manchmal 100.000 SEK bei teureren Objekten.
Du bekommst dann typischerweise ein paar Stunden, manchmal nur 30 Minuten, um zu reagieren. Wer nicht antwortet, ist raus. Wer bietet, treibt den Preis weiter. Das Verfahren endet, wenn niemand mehr bietet.
Wichtig: In Schweden ist Budgivning rechtlich nicht bindend, bis der Kaufvertrag unterschrieben ist. Theoretisch kannst du auch nach dem höchsten Gebot noch zurücktreten. Praktisch ruinierst du damit deinen Ruf bei diesem Makler — und Mäklare in Göteborg sind ein kleiner Kreis. Mein Rat: Biete nur, was du auch tatsächlich zahlen willst.
Die drei Fehler, die Deutsche regelmäßig machen
Fehler 1: Zu früh zu hoch bieten. Aus deutscher Festpreis-Logik denkt man: "Ich biete gleich 5 Prozent über Utgångspris, dann zeig ich Ernsthaftigkeit." In Schweden zeigt das nur, dass du das System nicht kennst. Andere Bieter sehen ein hohes Frühgebot als Aufforderung mitzuziehen — und der Preis schraubt sich schneller hoch.
Besser: Erstes Gebot auf Utgångspris oder 25.000 SEK darüber. Beobachten, wie viele andere mitbieten. Erst dann strategisch erhöhen.
Fehler 2: Bei der ersten Erhöhung aussteigen. Wer nach einer Runde aufgibt, wird in den allermeisten Fällen feststellen, dass das Objekt am Ende nur 100.000 SEK über seinem letzten Gebot weggegangen ist. Das ist bei einem 4-Mio-SEK-Objekt 2,5 Prozent — Verhandlungsspielraum, den man nicht aufgibt, wenn man das Objekt wirklich will.
Fehler 3: Sich von der SMS-Frequenz unter Druck setzen lassen. Mäklare arbeiten mit Tempo. Wenn du innerhalb von 20 Minuten drei SMS bekommst und gefragt wirst, ob du erhöhst, wirkt das wie Auktionsdruck im Saal. In Wirklichkeit ist es eine bewusst gesetzte Geschwindigkeit, damit niemand sich rauszieht und nachdenkt. Du darfst pausieren. Du darfst auch sagen: "Ich gebe Bescheid in einer Stunde." Ein guter Makler respektiert das, weil er weißt, dass Käufer mit Bedenkzeit am Ende seriösere Käufer sind.
Was du vor deinem ersten Gebot festgelegt haben musst
Bevor du in die erste Bieterrunde gehst, brauchst du drei Zahlen schriftlich vor dir liegen:
Maximalpreis. Die Zahl, ab der du raus bist — kompromisslos. Diese Zahl wird unter Druck verlockend nach oben korrigiert. Schreib sie vor der Visning auf, nicht währenddessen.
Lånelöfte (Finanzierungszusage) deiner Bank. Ohne Lånelöfte bist du in Schweden de facto nicht bietfähig. Die Bank sagt dir verbindlich, bis zu welchem Betrag sie finanziert. Ohne diese Zusage ignorieren dich seriöse Mäklare. Lånelöfte gibt es bei SEB, Handelsbanken, Swedbank oder Nordea — Bearbeitungszeit zwischen drei Tagen und zwei Wochen.
Eigenkapitalanteil. Mindestens 15 Prozent des Kaufpreises plus Nebenkosten musst du als Eigenkapital nachweisen. Bei deutschen Käufern, die ihre Finanzierungsgeschichte erst aufbauen, oft 20 bis 30 Prozent. Diese Zahl beeinflusst, wie viel die Bank überhaupt finanziert.
Was Mäklare nicht freiwillig erklären
Drei Dinge, die du selbst recherchieren oder gezielt fragen musst:
Die Bieterhistorie ähnlicher Objekte. Hemnet zeigt dir Slutpriser (Endpreise) der letzten 12 Monate für vergleichbare Objekte im Viertel. Diese Zahlen sind dein wichtigstes Verhandlungswerkzeug. Wer nicht recherchiert, bietet im Blindflug.
Die Avgift bei Bostadsrätter. Eine Wohnung mit niedrigem Utgångspris, aber hoher Monats-Avgift kann teurer sein als eine mit höherem Preis und niedriger Avgift. Die Avgift fließt nicht in den Bieterpreis ein, aber in deine monatliche Belastung über Jahrzehnte.
Andra bud (Konkurrenzgebote). Du darfst den Makler fragen: "Wie viele aktive Bieter sind im Verfahren?" und "Wann war das letzte Gebot?" Ein seriöser Mäklare beantwortet das. Eine Antwort wie "Es ist sehr aktiv" ohne Zahlen ist ein Warnsignal.
Wann du dich aus dem Verfahren zurückziehen solltest
Es gibt einen Punkt, an dem ein Bieterverfahren keine Logik mehr hat — und an dem du als Käufer aus emotionaler Bindung weiter bietest. Drei Indikatoren, die für einen Rückzug sprechen:
Der Preis hat dein Maximum überschritten und du argumentierst dir das gerade schön. Das passiert öfter, als die meisten Käufer zugeben.
Du hast das Gefühl, gegen einen einzigen anderen Bieter zu bieten, der bei jedem deiner Schritte sofort kontert — und das hat sich über fünf Runden so gezogen. In dem Fall wird deine Schmerzgrenze gezielt ausgelotet.
Die Avgift, der Pantbrev-Stand der Bostadsrättsförening oder ein versteckter Renovierungsstau machen die Mathematik kaputt. Eine Wohnung kann auf dem Papier passen und in der Realität ein teurer Fehler sein.
Die Rolle des Maklers — und warum sie anders ist als in Deutschland
In Schweden vertritt der Mäklare formal beide Seiten — Käufer und Verkäufer. Er bekommt seine Provision vom Verkäufer (typisch 1,5 bis 3 Prozent vom Endpreis), aber er hat eine gesetzliche Beratungspflicht gegenüber beiden Parteien.
Das klingt nach Interessenkonflikt — und ist es manchmal auch. Aber es bedeutet auch: Du darfst dem Mäklare Fragen stellen, die in Deutschland unangemessen wären. Frag nach der Renoveringsfond der Förening. Frag nach dem letzten Energideklaration-Wert. Frag, warum der Verkäufer verkauft. Ein Mäklare, der nicht oder ausweichend antwortet, ist nicht der Mäklare, mit dem du das Geschäft machen willst.
Mein praktischer Rat aus zwei Jahren Beobachtung
Der wichtigste mentale Trick: Du bietest nicht gegen einen anderen Käufer. Du bietest gegen dein eigenes Maximum. Wer das verinnerlicht, bleibt in der Bieterrunde rational. Wer beginnt, den anderen Bieter "schlagen" zu wollen, verliert — entweder Geld oder das Objekt, weil er zu hoch ging und die Finanzierung nicht durchgeht.
Mein zweiter Rat: Geh zu mindestens drei Visningar, bevor du das erste Mal bietest. Du brauchst ein Gefühl dafür, wie sich Bieterrunden in deinem Zielsegment entwickeln. Dieses Bauchgefühl kostet keinen Cent — und spart später potenziell sechsstellige Beträge.
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Sebastian Schiefner ist Fotograf in Göteborg und begleitet Deutsche bei Wohnungssuche und Hauskauf in Westschweden. Kostenloses Erstgespräch.