ID-Kort in Schweden beantragen: Warum du nach der Personnummer noch eine Karte brauchst — und warum es jetzt eilt

Die Personnummer ist da, der Brief von Skatteverket liegt auf dem Küchentisch, und es fühlt sich an wie das Ende der Behördenstrecke. Ist es nicht. Die Personnummer ist eine Zahl in einem Register — sie steckt in keiner Brieftasche und lässt sich am Schalter nicht vorzeigen.

Wie deutlich dieser Unterschied ist, zeigt eine Liste der schwedischen Polizei. Wer dort einen Pass oder ein nationellt id-kort beantragt, muss sich ausweisen, und als gültig zählen nur fünf physische Dokumente: schwedischer Pass, nationellt id-kort, schwedischer Führerschein, ein SIS-markiertes schwedisches ID, und „identitetskort för folkbokförda i Sverige" — die Karte von Skatteverket. Ein deutscher Personalausweis steht nicht auf dieser Liste. Ein digitales ID über BankID übrigens auch nicht.

Das ist der Punkt, an dem die Personnummer aufhört zu reichen.

Was das id-kort ist — und was es nicht ist

Skatteverket stellt das id-kort auf Grundlage der Lag (2015:899) und der Förordning (2015:904) aus. Die Verordnung ist in beiden entscheidenden Punkten knapp: „Ett identitetskort ska utfärdas med en giltighetstid av högst fem år" (§ 8) und „ska sökanden betala en ansökningsavgift på 400 kronor" (§ 16). Fünf Jahre, 400 Kronen.

Was es nicht ist: ein Reisedokument. Skatteverket schreibt ausdrücklich, dass die Karte keinen Pass ersetzt und nur innerhalb Schwedens gilt. Dein deutscher Personalausweis bleibt also im Portemonnaie — er ist weiter das Dokument, mit dem du über die Grenze kommst.

Formal ist das id-kort auch kein SIS-Kort. Skatteverket sagt dazu, es erfülle vergleichbare Sicherheitsanforderungen und könne im Alltag wie ein SIS-markiertes id-kort genutzt werden, etwa bei Banken und in Geschäften. Und noch ein Detail, das überrascht: Zu der Karte kommt in einem separaten Brief ein Code-Schreiben für eine e-legitimation. Das Schreiben nimmt man zur Abholung nicht mit.

Schwedische Staatsbürger brauchen das alles nicht — für sie verweist Skatteverket auf das nationellt id-kort bei der Polizei. Diese Karte ist die Lösung für alle anderen: für Leute mit Personnummer und ohne schwedischen Pass. Also für uns.

Der Antrag: 400 Kronen, ein Termin, zwei Wochen

Der Ablauf ist unbürokratischer als er klingt, hat aber zwei Stolperstellen.

Du musst in Schweden folkbokförd sein und eine Personnummer haben. Mindestalter 13; unter 18 brauchst du die schriftliche Zustimmung beider Vormünder, Formular SKV 1502. Ein Personbevis brauchst du nicht.

Die erste Stolperstelle: Die 400 Kronen musst du vor dem Termin bezahlen. Skatteverket formuliert das unmissverständlich — „Du kan inte betala ansökningsavgiften på servicekontoret" — und empfiehlt, Kontoauszug oder Quittung mitzubringen. Wer ohne bezahlte Gebühr auftaucht, hat einen Termin verbrannt.

Die zweite: Nicht jedes Servicekontor stellt id-kort aus, und für den Antrag brauchst du einen gebuchten Termin über die Webbokning von Statens servicecenter. Vor Ort wirst du fotografiert und gemessen; wer nicht stehen kann, wird sitzend gemessen.

Danach dauert es etwa zwei Wochen. Du bekommst eine SMS oder einen Brief, und dann gilt: persönlich abholen, innerhalb von zwei Monaten, mit der Quittung von der Antragstellung. Für die Abholung brauchst du keinen Termin.

Wenn du keinen schwedischen Ausweis hast

Hier wird es für Neuankömmlinge interessant, denn für den Antrag bei Skatteverket gelten andere Regeln als bei der Polizei. Skatteverket akzeptiert neben den schwedischen Dokumenten — gültiges id-kort, schwedischer Pass mit weinrotem Einband, nationellt id-kort, Führerschein, SIS-markiertes Kort, Dienstausweis einer staatlichen Behörde — auch ausländische Pässe und ID-Karten aus der EU, Island, Liechtenstein, Norwegen und der Schweiz, sofern sie die Bedingungen erfüllen. Mit deinem deutschen Pass oder Personalausweis kommst du also durch diese Tür, obwohl beide auf der Polizeiliste fehlen.

Hast du keines dieser Dokumente, brauchst du einen intygsgivare: eine Person, die dich gut kennt, mitkommt und deine Identität bestätigt — und sich selbst ausweisen kann. Zugelassen sind unter anderem Ehepartner, eingetragene Partner, volljährige Kinder und Enkel, Eltern, Vormünder, volljährige Geschwister, Großeltern und Lebensgefährten, mit denen du seit mindestens sechs Monaten zusammenwohnst. Mit Nachweis des Verhältnisses gelten auch god man, förvaltare, Pflegeeltern oder ein Arbeitgeber, bei dem du seit mindestens einem Jahr bist.

Lies diese Liste als Neuzugezogener noch einmal. Sechs Monate Zusammenwohnen, ein Jahr beim selben Arbeitgeber, Familie im Land — das liegt nahe beieinander und bedeutet im ersten halben Jahr oft: niemand. Eine Statistik dazu habe ich nicht gefunden, aber die Logik der Liste ist eindeutig. Wenn du also einen gültigen deutschen Pass hast, nutze ihn, solange er gilt.

Das Fenster schließt — in Göteborg zuerst

Und jetzt der Teil, der diesen Artikel dringlich macht.

Das Servicekontor Göteborg Järntorget schreibt auf seiner eigenen Seite: „This service centre will stop issuing ID cards from 1 December 2026." Wer ab dem 1. November 2026 einen Antragstermin bucht, holt die fertige Karte an einem anderen Kontor ab. Wenn du in Göteborg wohnst und ein id-kort willst, ist Ende November deine praktische Grenze.

Dahinter steht die größere Sache. Die Regierung hat im September 2026 eine Lagrådsremiss vorgelegt (Fi2026/01416, „Avveckling av Skatteverkets id-kortsverksamhet"): Die Lag (2015:899) soll zum 1. März 2027 aufgehoben werden. Anträge bei Skatteverket sind bis Ende Februar 2027 möglich, danach läuft auch der Technikvertrag der Behörde aus. Ab dem 1. Dezember 2026 sollen Antragsteller auf die Polizei verwiesen werden, behalten aber ihren Anspruch auf Bearbeitung. Zur Größenordnung: 2025 haben rund 143.000 Personen einen Antrag gestellt.

Wichtig: Es handelt sich um eine Lagrådsremiss, nicht um ein beschlossenes Gesetz. Der Riksdag hat Stand heute nicht entschieden. Skatteverket selbst hatte den 1. Dezember 2026 gefordert, die Regierung hat das abgelehnt.

Bereits ausgegebene Karten bleiben bis zum Ablauf ihrer Gültigkeit gültig — also bis zu fünf Jahre über das Ende der Behördentätigkeit hinaus. Eine Einschränkung gibt es: Wer die neue Karte bei der Polizei bekommt, muss die alte dort zur Makulierung abgeben, sofern sie nicht verloren oder zerstört ist.

Was ab dem 1. Dezember 2026 kommt: SverigeID

Parallel startet etwas Neues. Zum 1. Dezember 2026 führt die Polizei die staatliche e-legitimation SverigeID ein, auf Grundlage der Lag (2026:1358) und der Förordning (2026:1359), in der höchsten Vertrauensstufe LOA4. Sie ersetzt BankID nicht, sie kommt dazu.

Für uns sind drei Punkte relevant:

Die Karte. Schwedische Staatsbürger bekommen SverigeID an ihr nationellt id-kort gebunden. Folkbokförda ohne schwedische Staatsbürgerschaft bekommen es an ein id-kort ohne Reisefunktion gebunden — und genau diese Karte soll laut Regierungsvorschlag das Skatteverket-id-kort ersetzen. Nationelle id-kort, die vor dem 1. Dezember ausgestellt wurden, lassen sich für SverigeID nicht verwenden.

Der Termin. Für folkbokförda ohne Staatsbürgerschaft ist die Terminbuchung ab dem 1. November 2026 nur telefonisch unter 114 14 möglich. Der Antrag selbst ist ab dem 1. Dezember an 33 ausgewählten Polizeistationen möglich, in Göteborg an der Passcentralen. Genutzt wird SverigeID über eine App; das Handy ist das einzige zugelassene Gerät, mit CAN-Nummer geht auch das Gerät einer anderen Person.

Der Preis. Unbekannt. Die Lagrådsremiss sagt nur, die staatliche e-legitimation solle gebührenfinanziert sein und die zuständige Behörde dürfe die Gebühren festlegen. Eine Zahl habe ich auf den Seiten der Polizei am 15. Oktober 2026 nicht gefunden. Die 400 Kronen gelten für das alte Skatteverket-Kort, nicht für die neue Karte.

Der Unterschied zu Deutschland

In Deutschland ist der Ausweis eine Pflicht. Ab 16 Jahren besteht Ausweispflicht, der Ausweis kostet laut Stadt Köln 46 Euro ab 24 Jahren und 27,60 Euro darunter, gilt zehn beziehungsweise sechs Jahre, und die Bearbeitung dauert in der Regel zwei bis drei Wochen. Die Online-Ausweisfunktion sitzt auf derselben Karte und wird mit 16 kostenfrei aktiviert.

Schweden baut es anders: Die Identität liegt im Register, als Personnummer. Der physische Ausweis ist eine Leistung, die du beantragst, bezahlst und für die du deine Identität erst nachweisen musst — notfalls über einen Verwandten, der mitkommt. Eine der deutschen Ausweispflicht entsprechende Regel habe ich für Schweden nicht gefunden. Und was in Deutschland auf der Karte sitzt, läuft hier über das Handy: BankID heute, SverigeID ab Dezember.

Deshalb trifft die Lücke zwischen Ankommen und Ausweis deutsche Zuzügler so hart. Man ist im Register, man hat eine Nummer, man gilt als gemeldet — und steht trotzdem am Apothekenschalter oder beim Systembolaget ohne etwas, was hier jeder kennt.

Was ich an deiner Stelle jetzt tun würde

Du bist folkbokförd, hast keinen schwedischen Ausweis und brauchst einen: Buche jetzt einen Termin, mit gültigem deutschem Pass oder Personalausweis als Nachweis, und bezahle die 400 Kronen vorher. In Göteborg vor Dezember, sonst bis Ende Februar 2027.

Dein id-kort läuft 2027 oder 2028 ab: Nichts tun, aber den Wechsel auf dem Schirm behalten. Die Karte bleibt gültig, der Nachfolger kommt über die Polizei.

Du kannst warten und hast ein Smartphone: SverigeID ab dem 1. Dezember, Terminbuchung ab dem 1. November unter 114 14, in Göteborg an der Passcentralen. Rechne mit einer Gebühr, deren Höhe noch nicht veröffentlicht ist.

Und in jedem Fall: Deutschen Pass und Personalausweis behalten und gültig halten. Das schwedische id-kort bringt dich nicht über die Grenze, und für den Behördenfahrplan der ersten Monate — von der Krankenversicherung bis zur Abmeldung in Deutschland — ist das deutsche Dokument ohnehin oft das, was auf dem Tisch liegen muss.

Wer gerade ein Haus kauft, braucht die Identifikation doppelt: Seit dem 1. Juli 2026 ist beim Lagfart eine Personnummer, Samordnings- oder Organisationsnummer Pflicht, und weil es keinen Notar gibt, prüft am Ende die Bank, wer da unterschreibt.


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Sebastian Schiefner ist Fotograf in Göteborg und begleitet Deutsche bei Wohnungssuche und Hauskauf in Westschweden. Kostenloses Erstgespräch.

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