Der Winter an der Westküste ist meistens eher nass als weiß. Ich bin hier das ganze Jahr für Maklerobjekte unterwegs und sehe im Januar mehr Regen als Schnee. Und dann liegen über Nacht fünfzehn Zentimeter, und es stellt sich eine Frage, auf die dich niemand vorbereitet hat: Musst du das wegschippen? Wie weit? Bis wann?
In Deutschland weiß das jeder Mieter ungefähr: Die Räum- und Streupflicht steht in der Satzung der Stadt, sie hat feste Uhrzeiten, und wer sie liegen lässt, haftet. In Schweden gibt es keine landesweite Uhrzeit und keine landesweite Breite — eine Pflicht aber sehr wohl. Wo sie steht, ist der Punkt dieses Artikels.
Warum es keine schwedische Räumpflicht gibt
Die Grundlage ist das Gesetz 1998:814 über Straßenreinigung und Beschilderung. Zwei Paragraphen daraus entscheiden alles.
§ 2 legt fest, dass die Kommun für Straßen, Plätze und Parks im Bebauungsplangebiet zuständig ist, soweit sie dort Hauptmann ist: Reinigung, Schneeräumung und ähnliche Maßnahmen, damit keine Gesundheitsschäden entstehen und Begehbarkeit und Verkehrssicherheit gewährleistet sind. Für angelegte Flächen auf Kvartersmark, die dem öffentlichen Verkehr dienen, trifft dieselbe Pflicht die Eigentümer selbst.
§ 3 ist der entscheidende Satz: Die Kommun kann Eigentümer in Bebauungsplangebieten verpflichten, diese Maßnahmen auch auf Gehwegen und anderen Flächen außerhalb des eigenen Grundstücks durchzuführen, soweit sie dem Fußverkehr dienen. „Kommunen kan ålägga en fastighetsinnehavare." Kann — nicht muss.
Daraus folgt die Regel, die in deutschsprachigen Texten über Schweden fast immer fehlt: Ob du räumen musst, wie weit und auf welcher Breite, steht nicht im Reichsrecht, sondern in den lokalen Föreskrifter deiner Kommun. Wer von Deutschland aus googelt, findet mit hoher Wahrscheinlichkeit die Zahl einer anderen Kommun.
Göteborg: zehn Meter über die Grundstücksgrenze hinaus
Göteborg hat von § 3 Gebrauch gemacht, und zwar deutlich. Die Stadt formuliert es in ihrer eigenen Information an Hauseigentümer so: Du bist für Gehwege, Trottoirs und Treppen bis zu zehn Meter außerhalb deiner Grundstücksgrenze verantwortlich — auch dann, wenn zwischen Grenze und Gehweg noch eine andere Fläche liegt. Gibt es überhaupt keinen Gehweg, gelten stattdessen 1,2 Meter der Straße vor der Grundstücksgrenze als dein Gehwegstreifen.
Im Winter heißt das: schaufeln und streuen. Die Stadt nennt vier zulässige Handlungen — „skotta, salta, sanda eller grusa". Sand, Splitt oder Salz musst du selbst besorgen; Göteborg stellt dafür nichts bereit. Und die Stadt schreibt ausdrücklich hin, was auf dem Spiel steht: Wer sich auf diesem Gehweg verletzt, kann Schadensersatz von dir fordern.
Drei Details aus derselben Information, die man leicht übersieht:
- Der Gatubrunn. Schnee und Eis vom Straßenablauf wegräumen, damit das Schmelzwasser abfließen kann. Sonst steht das Wasser bei Tauwetter auf deinem Streifen und friert in der nächsten Nacht zu einer Platte.
- Ein Loch in den Schneewall schaufeln, damit Post, Zeitung und Müllabfuhr durchkommen.
- Im Frühjahr den Splitt wieder aufnehmen — und ihn nicht auf die Straße kehren.
Eine Uhrzeit nennt Göteborg nicht. Das ist kein Freibrief, sondern das Gegenteil: ohne Frist ist der Maßstab, was im Schadensfall als zumutbar gilt.
Uddevalla rechnet anders — und genau darum musst du nachsehen
Vierzig Minuten nördlich sieht dieselbe Pflicht anders aus. Uddevalla verlangt die Räumung der Gehbahn entlang des Grundstücks innerhalb des Bebauungsplangebiets, Schnee und Eis „snarast" zu entfernen, bei Glätte zu sanden. Fehlt eine Gehbahn, ist es ein Meter außerhalb der Grundstücksgrenze — nicht 1,2.
Zwei Regeln hat Uddevalla, die Göteborg nicht so formuliert: Schnee von Hof, Garage, Einfahrt oder Dach darf nicht auf die Straße geschoben werden. Und wer zum Dachräumen den Gehweg sperren muss, braucht dafür eine Genehmigung der Polizei.
Zehn Meter gegen „entlang des Grundstücks", 1,2 Meter gegen einen Meter, Polizeigenehmigung in der einen Kommun und kein Wort davon in der anderen. Die Suche, die du einmal machen solltest, bevor der erste Schnee fällt, lautet: der Name deiner Kommun plus „fastighetsägarens ansvar".
Beim Dach gilt plötzlich doch landesweites Recht
Für Schnee und Eis auf dem Dach ist es umgekehrt. Hier steht die Pflicht im Reichsrecht, in der Ordningslag 1993:1617, 3. Kapitel, § 3: Schnee und Eis, die auf Personen oder Sachen auf öffentlichem Platz herabstürzen können, müssen „utan oskäligt dröjsmål", also ohne unangemessene Verzögerung, von Dach, Dachrinnen und ähnlichen Vorrichtungen entfernt werden — und zwar so, dass dabei kein neues Risiko entsteht. Verantwortlich ist der Eigentümer oder, bei entsprechendem Nutzungsvertrag, wer an seiner Stelle steht. Nach § 22 desselben Kapitels ist ein Verstoß mit Geldstrafe bedroht.
Zwei Einschränkungen, die man mitlesen muss. Erstens: Die Vorschrift greift beim öffentlichen Platz. Fällt der Eisklotz auf dein eigenes Grundstück oder in den Nachbargarten, ist das kein Fall der Ordningslag, sondern allgemeines Schadensersatzrecht. Zweitens sagt der Gesetzestext nichts darüber, wer auf das Dach steigen soll. Wenn du auf einem winterglatten Satteldach noch nie gestanden hast, würde ich das nicht als Lernprojekt beginnen — eine Statistik dazu habe ich nicht, aber die Rechnung aus Höhe, Nässe und einer Schneeschaufel ist unangenehm eindeutig.
Es ist derselbe Gedanke wie beim Kaminfegen: Wartungspflichten am Gebäude sind hier selten eine Frage des guten Willens, sondern eine Frage, bei wem die Haftung landet.
Streumittel: in Göteborg darf Salz, in Berlin nicht
Hier ist der Unterschied zu Deutschland am greifbarsten. Als Vergleich die Berliner Regel, nachzulesen in der Winterdienst-Information eines Bezirksamts auf Grundlage des Straßenreinigungsgesetzes: Auftaumittel wie Salz oder Harnstoff sind dort „ausnahmslos verboten", zulässig sind nur abstumpfende Mittel wie Sand oder Splitt. Geräumt werden muss werktags unverzüglich nach Ende des Schneefalls, bei Schneefall nach 20 Uhr bis 7 Uhr des Folgetags, sonntags und an Feiertagen bis 9 Uhr. Räumbreite mindestens 1,50 Meter in den Reinigungsklassen 1 und 2, sonst mindestens ein Meter. Bußgeld bis zu 10.000 Euro.
Göteborg nennt Salz dagegen ausdrücklich als eine der erlaubten Möglichkeiten und gibt überhaupt keine Uhrzeit vor. Wer aus Deutschland kommt, bringt also eher zu viel Regelgefühl mit als zu wenig — und unterschätzt dafür die Spannweite zwischen zwei schwedischen Kommunen.
Praktisch ist Salz ohnehin nicht die erste Wahl: Die Stadt selbst schreibt, dass es bei minus fünf Grad und kälter nicht mehr wirkt und dann Splitt eingesetzt wird.
Was die Stadt selbst räumt, und wann
Für die eigene Planung hilft es zu wissen, worauf du nicht warten solltest. Göteborg räumt nach Prioritäten: erst das Hauptstraßennetz, Straßen mit Busverkehr und Industriestraßen, danach die Wohnstraßen. Radwege werden ab zwei Zentimetern Schnee geräumt, Bushaltestellen sollen innerhalb von sechs Stunden nach Ende des Schneefalls frei sein. Die meisten Straßen bekommen Splitt, Busspuren werden gesalzen.
In den Naturgebieten werden Parkplätze und die größeren Geh- und Radwege in Slottsskogen, im Delsjö-Gebiet und im Hisingspark geräumt, kleinere Waldpfade nicht. Natureis wird weder geräumt noch auf Tragfähigkeit geprüft.
Deine Wohnstraße ist in dieser Reihenfolge weit hinten — Winterreifen sind deshalb keine Vorsicht, sondern die Konsequenz. Welche hier vorgeschrieben sind und was ein Däckhotell ist, steht an anderer Stelle.
Schneelast auf dem Dach und was die Versicherung zahlt
Wenn tatsächlich viel Schnee liegt, geht es nicht mehr um Eiszapfen, sondern um Gewicht. SMHI betreibt dafür einen Kartendienst, der die aktuelle Schneelast in Schweden modelliert und sie mit der Last vergleicht, die ein Dach nach Boverkets Konstruktionsregeln mindestens tragen muss. SMHI nennt das Ergebnis selbst eine Vereinfachung der Wirklichkeit — als Einordnung, ob die Lage überhaupt kritisch ist, ist die Karte trotzdem besser als das Bauchgefühl.
Zur Versicherung: Bricht die tragende Dachkonstruktion des Wohnhauses unter Schneedruck zusammen, ist das laut Konsumenternas Försäkringsbyrå in der Villaförsäkring in der Regel immer gedeckt. Nicht gedeckt sind Dächer über Terrassen und Wintergärten, ebenso wenig Schneedruckschäden an anderen Gebäuden oder am Grundstück. Für Sturmschäden greift der Schutz ab 21 Metern pro Sekunde. Was die Villaförsäkring sonst abdeckt, habe ich separat aufgeschrieben.
Was du vor dem ersten Schnee erledigst
Die Kommun-Seite lesen. Einmal, zehn Minuten. Du suchst zwei Zahlen: wie weit über die Grundstücksgrenze, und was gilt, wenn es keinen Gehweg gibt.
Material kaufen, bevor es gebraucht wird. Splitt oder Sand und eine brauchbare Schaufel. Göteborg stellt nichts bereit, und der Baumarkt ist am Morgen nach dem ersten Schneefall leer.
Firma statt Rücken. Schneeschippen am Wohnhaus ist RUT-fähig — Skatteverket nennt „skotta snö" ausdrücklich als Beispiel für Rutarbete. Abgezogen werden 50 Prozent der Arbeitskosten; der gemeinsame Topf für ROT und RUT liegt bei höchstens 75.000 Kronen pro Person und Jahr, davon ROT höchstens 50.000. Wie der Abzug praktisch läuft, steht im Text zum ROT- und RUT-Avdrag.
Prüfen, ob es überhaupt deine Aufgabe ist. In der Bostadsrätt ist die Förening der Fastighetsägare, die Pflicht liegt also bei ihr — in der Praxis heißt das: sie steht in den Ordningsregler und hängt an Mitgliederarbeit oder einem Vertrag. Lies das vor dem Kauf mit, so wie den Rest der Föreningsunterlagen. In der Hyresrätt ist es Sache des Vermieters.
Beim Winterkauf nachfragen. Wenn du ein Haus zwischen Dezember und März übernimmst, frag den Mäklare, wer den Gehweg bisher gemacht hat und ob es dafür einen laufenden Vertrag gibt. Die Pflicht wechselt mit dem Tillträdesdag auf dich — wann der im Ablauf eines Hauskaufs liegt, ist dort beschrieben.
Und wenn der Winter doch wieder nur grau und nass wird: An der Westküste ist die Dunkelheit das größere Thema als der Schnee.
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Ich bin Sebastian Schiefner, Fotograf in Göteborg, und begleite Deutsche bei Wohnungssuche und Hauskauf in Westschweden. Kostenloses Erstgespräch.